Wer China 2019 noch unterschätzt, der hat schon verloren

Wenn Sie an Wachstum, Geschwindigkeit und Innovationen denken, denken Sie dann zuerst an China?

In gut 40 Jahren hat China drei industrielle Revolutionen durchlaufen, für die westliche Länder 250 Jahre brauchten: Massenproduktion durch Dampfmaschine und Webstuhl, die Einführung von Strom und Verbrennungsmotor und die weitere Automatisierung durch den Computer. Jetzt schicken sie sich an, zum Vorreiter der vierten zu werden.

Fakt ist, kein Land wächst schneller. Kein Land investiert mehr Kapital in neue Technologien. 2018 hat man sogar erstmals die USA und damit auch das Silicon Valley überholt. Die verlängerte Werkbank der Welt schickt sich an zur neuen globalen Supermacht aufzusteigen. Aus dem Entwicklungsland, das für westliche Industrieländer lange nur ein gigantischer Absatzmarkt und Produktionsstandort war, ist ein mächtiger Konkurrent geworden. Chinesische Unternehmen entwickeln intelligente Maschinen und Anlagen. Sie bauen qualitativ immer bessere Autos, immer öfter mit Elektroantrieb und das seit neustem auch noch in ansprechendem Design.
Mikko Huotari, Wissenschaftler am Mercator Institute for China Studies (Merics), eines Thinktanks in Berlin ist sicher, die alte Logik „China braucht uns“ stimme so nicht mehr. Im Gegenteil: Deutschland gerät immer stärker in die Abhängigkeit von China. „Die ganze Mechanik im System hat sich verändert.“

In China selbst zeigen sich große Gegensätze. In den entwickelten Ballungszentren der greater Bay Area mit Macao, Hongkong, Shenzhen und Shanghai konzentriert sich der Reichtum. Davon ausgeschlossen bleiben große Teile der Landbevölkerung. Die Zahl der Erwerbstätigen sinkt, die Löhne steigen, auch der Altersdurchschnitt steigt kontinuierlich. Ganz nach der Theorie der aufholenden Volkswirtschaft erfolgt bereits eine Abschwächung des Wachstums. Folgt China also dem Muster anderer einst schnell wachsenden Volkswirtschaften und bleibt auf einem gewissen Wohlstandsniveau stehen, kann also nicht zu den Top-Nationen aufsteigen? Gleich mehrere Faktoren deuten darauf hin, dass es ganz anders kommen könnte:

  • Wir haben uns auf ein Marktgefüge mit China eingelassen in dem wir nur verlieren können. Chinesische Investoren und Unternehmen genießen einerseits die maximalen Freiheiten in den westlichen Märkten. China lässt aber umgekehrt nicht das Gleiche zu. So können chinesische Unternehmen aus einem geschützten riesigen Markt heraus und oft zusätzlich staatlich subventioniert so lange ihre Produkte und Abläufe optimieren, bis ihre Waren auch international konkurrenzfähig geworden sind. Das Muster ist immer dasselbe. Anfangs wird stupide kopiert, dann richtig gut kopiert und am Ende machen sie richtig gute eigene Sachen.
  • China geht strategisch vor. Die Volksrepublik investierte stets gezielt in einzelne Branchen oder Technologien, um dort Mittel- bis langfristig zum Marktführer aufzuschließen oder zu verdrängen. In China findet aktuell eine staatlich gelenkte Technologierevolution statt. Mit „Internet Plus“ und dem „New Generation Artificial Intelligence Development Plan“ strebt China die internationale Marktführerschaft im Hochtechnologiesektor an. Der bereits vor drei Jahren ausgerufene Masterplan “Made in China” für die verarbeitende Industrie lautet: Bis 2025 soll das Land eine „starke“, bis 2035 eine „Mittelmacht“ und bis 2049 eine „Weltmacht“ sein (dann wird die Volksrepublik den 100. Jahrestag ihrer Gründung begehen). Auch Megaprojekte wie die neue Seidenstraße, globale Sicherung von Rohstoffen oder ein weltumspannendes Energienetz scheut man in diesem Zusammenhang nicht. Deutschland spielt in Pekings „Made in China“-Strategie übrigens eine ungewohnte Rolle. Die des Zulieferers.
  • China praktiziert einen antizipierenden Politikprozess. Die Umsetzung und Erprobung von Reformmaßnahmen erfolgt zuerst in einem eingeschränkten Gebiet, oder Sonderwirtschaftszone noch vor der landesweiten Gesetzgebung. Durch dieses experimentierende Vorgehen werden langwierige politische Grundsatzkonflikte einfach vollständig umgangen. Das macht das Land nicht nur viel schneller, sondern erschließt ein ganzes Repertoire unkonventioneller Politikinstrumente, die ein gesetzgebungszentrierter Staat gar nicht leisten kann. Die beständigen Erneuerungs- und Lernprozesse sind sozusagen als Kernelement in die wirtschaftspolitische Willensbildung eingebaut. Während wir in Europa noch immer darüber diskutieren, wie man mit Themen wie Digitalisierung umgehen soll, werden dort schon längst Fakten geschaffen.

Das chinesische Wirtschaftssystem funktioniert im Bereich der Zukunftstechnologien wie ein gigantischer Accelerator. China hat nicht einfach das Silicon Valley kopiert, sondern ist selbst zu einer größeren Version des Silicon Valley geworden. Das ist 2019 noch kein im Westen unmittelbar spürbares Problem, in ein paar Jahren könnte das aber schon ganz anders aussehen. Bei einer aktuellem Umfrage der Deutschen Handelskammer in China haben mehr als 40 Prozent aller dort vertretenen Unternehmen angegeben, dass China in ihrer Branche in fünf Jahren zum Innovationsführer aufsteigen werde. In den Bereichen Elektromobilität und digitale Vernetzung ist China bereits heute in der Vorreiterrolle.

Grund genug also, sich selbst einmal ein Bild vor Ort zu machen. Ende Februar 2019 habe ich mich also auf den Weg gemacht das Reich der Mitte einmal aus nächster Nähe anzusehen. Darüber werde ich in einem folgenden Beitrag berichten.

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