Was Konzerne jetzt tun sollten – Lessons learned from Silicon Valley

Wir sind genau einmal hier auf diesem Planeten. Das ist unsere Chance. Wir können die uns hier geschenkte Zeit nutzen um herauszufinden, was uns wirklich am Herzen liegt. Wir haben das Glück unendlich vieler Möglichkeiten. – Sofern wir sie denn auch ergreifen. Denn das nimmt uns auch 2018 noch keiner ab.

Eben dieses Glück durfte ich ergreifen, um eine Woche nach dem heiligen Gral des Silicon Valleys zu suchen. Dem Spirit, dem Mindset, ja diesem Magischen das dem Valley nachgesagt wird. Dafür hatte ich mich einer Reisegruppe angeschlossen. Nicht irgendeiner, sondern der von Niki Ernst. Niki bezeichnet sich selbst als Innovation Evangelist und Forecast Thinker. Er ist Faculty Coach an der Stanford University und der Singularity University. Er war Global TEDxAmbassador, TED und TEDx Speaker. Es konnte also wenig schief gehen, die Vorzeichen standen gut. Auf die Erwartungshaltung zu Beginn und den Reiseverlauf bin ich im Wesentlichen in meinen früheren Blogs eingegangen.

Bleibt die Frage zu klären, ob sich der Besuch gelohnt hat. Dafür muss man sich noch einmal vergegenwärtigen, wo denn die wesentlichen Unterschiede liegen. Was läuft in der Bay Area ganz entscheidend anders? Anders heißt dabei zunächst einmal nur nur anders, nicht besser.

Moonshots, nicht einfach Ziele
Hochgesteckte Ziele. Die Welt verbessern. Lieferketten verkürzen. Es entsteht schnell der Eindruck, dass inkrementelle Verbesserungen im Silicon Valley nicht erwünscht sind. Alles dreht sich darum Verbesserungen um den Faktor 5, 10 oder noch größer zu erreichen. Disruption heißt das Spiel das hier gespielt wird – und Geld scheint dabei eine untergeordnete Rolle zu spielen. Google geht noch einen Schritt weiter und arbeitet an so genannten Moonshots. Ehrgeizige, explorative und bahnbrechende Projekte – die kurzfristig nicht profitabel sind, von denen man sich aber langfristig die Lösung schwerwiegender Probleme verspricht.

Radikaler Fokus
Es gibt einen klaren Fokus genau ein Problem zu adressieren. Auf keinen Fall zu viele Dinge auf einmal anzugehen. Diese extreme Konzentration soll dazu führen, in dieser einen Sache wirklich Weltklasse zu werden. Für alles andere werden Partnerschaften eingegangen, oder Zukäufe getätigt. Wachstum und Marktanteil gilt hier wesentlich mehr als der Gewinn. Wer nicht mithalten kann, verschwindet schnell wieder vom Markt. Fail early and often. Nach 6 Monaten werden von den durchschnittlich 1000 Neugründungen pro Woche nicht mal 1% überleben.

Sinn
Man spricht eine Menge über den höheren Sinn. Ideen, die größer sind als man selbst. Es geht darum einen Unterschied zu machen, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Ganz einfach „Eine Delle ins Universum zu schlagen“, wie Steve Jobs das auszudrücken pflegte. Arbeit ist hier tatsächlich kein Job, sondern ein riesiger und schöner Teil das Lebens. Die Leidenschaft fürs eigene Tun erlebe ich hier (erwartungsgemäß) viel stärker als in Deutschland.

Stehlen
Der beste Weg ein neues Geschäft anzufangen ist nicht das Rad neu zu erfinden. „Good artists copy, great artists steal.“ wusste der von Steve Jobs in diesem Zusammenhang gerne zitierte Pablo Picasso. Apples revolutionäres grafisches Betriebssystem basierte zu einem großen Teil auf den Erfindungen von Xerox. Microsoft klaute bei Apple. Facebook basiert im Kern auf einer Kombination aus myspace und friendster. Man nennt das allerdings hier nicht stehlen, sondern „knowledge sharing“. Die Hauptfähigkeit von Innovatoren besteht also darin, das Beste zu stehlen, was es gibt, und daraus in Bezug auf das zu lösende Problem etwas Neues zu machen.

“The two most important days in your life are the day you are born and the day you find out why.” Mark Twain

Auch wir sollten uns nicht zu schade sein, zu kopieren. Was bleibt uns auch anderes übrig? Wir können weiter lamentieren, dass wir mit dem Niedergang des Neuen Marktes 2003 aufgehört haben uns auf die digitale Zukunft einzustellen, oder handeln. Anfangs haben Japaner, Koreaner oder Chinesen stupide kopiert, dann haben sie angefangen richtig gut zu kopieren. Inzwischen kopiert sogar das Silicon Valley Ideen von dort. Steve Jobs hat schamlos kopiert und Bill Gates sowieso. Es gibt also wirklich keinen Grund ein schlechtes Gewissen zu haben. Wir sind damit in der Gesellschaft der allerbesten.

Was können wir also stehlen?
Die Frage muss differenziert beantwortet werden. Einzelpersonen können sicher viel von der Einstellung der Menschen hier lernen. Unternehmen jeder Größe können sich sinnvolle Methoden wie Design Sprints oder das Steuern nach OKRs abschauen. Wer sich von den Möglichkeiten neuer Technik inspirieren lassen möchte, ist hier ganz sicher auch richtig. Und Regierungsvertreter sollten erkennen, dass sie „zu Hause“ dringend nicht nur vergleichbare, sondern bessere Rahmenbedingungen schaffen müssen. Was hindert uns eigentlich gleich wieder daran eine Sonderwirtschaftszone für High-Tech Unternehmen in Deutschland einzurichten?
Dennoch sollten wir nicht den Fehler machen, das Valley blind zu kopieren. Auch hier ist nicht alles Gold was glänzt. Es ist eine Sache, dass Scheitern erlaubt sein muss, eine ganz andere wieviel Geld hier verbrannt wird. Viel zu viel Geld mit dem gerade hier viel sinnvolleres angestellt werden könnte. Die Situation der vielen Obdachlosen verbessern zum Beispiel, oder die marode Infrastruktur zu sanieren. Nur um das wirklich nahe liegende aufzuzählen. Was am Silicon Valley alles kritisch zu hinterfragen wäre, wäre ein Thema für einen eigenen Blog. Deshalb will ich an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen.

“Was hat es eigentlich für den Papst bedeutet, als Luther kam?“ Harald Schmidt

Was mich noch lange und immer wieder nach meinem Besuch beschäftigt hat, war die Frage nach der Handlungsempfehlung für (unsere deutschen) Konzerne. Sind sie schon verloren, oder gibt es noch Rettung? Oder ist alles gar unnötige Panikmache?

Wie ich in meinem früheren Beitrag schon ausführlich erläutert habe, glaube ich, es ist in vielen Konzernen 5 vor 12. Und ich glaube auch, dass das viele mittlerweile erkannt haben – und auch handeln wollen. Doch das ist leichter gesagt als getan. Startup-Strukturen in existierenden, erfolgreichen (deutschen) Firmen nachzubauen hat man punktuell versucht. Das hält man aus kulturellen und strukturellen Gründen derzeit überwiegend für gescheitert. Ich sage derzeit, weil so etwas nach meiner Erfahrung immer auch Trends unterliegt.
Die Entwicklung eines Innovationsportfolios gilt dagegen gerade als der letzte Schrei. Dahinter steckt die Idee, dass Märkte stets durch die Einführung neuer Technologien revolutioniert werden. Und diese lassen sich außerhalb von Konzernstrukturen sicher wesentlich schneller evaluieren. Wie man bei Plug&Play und anderen Vermittlern von Startups sehen kann, scheinen insbesondere deutsche Konzerne auf diese Karte zu setzen. Besonders gern investiert man in Firmen, welche bereits kleinere Erfolge feiern konnten. Konzerne können so, die zu ihrem Kerngeschäft komplementäre neue Technologie unter realen Bedingungen testen (lassen). Ein Allheilmittel für Konzerne mit Innovationsproblemen oder die Lösung des Innovator Dilemmas sind Investitionen in Startups dagegen nicht. Laut einer Studie von Bain liegt die Wahrscheinlichkeit, mit einem neuen Unternehmen einen für Großunternehmen signifikanten Wertbeitrag von zum Beispiel mindestens 100 Millionen Dollar zu erreichen, bei nur eins zu 500. Für einen Wertbeitrag von 500 Millionen Dollar und langfristiges, profitables Wachstum sinkt die Chance sogar auf eins zu 17.000!
Damit will ich nicht sagen, dass Investitionen in Startups für Konzerne keinen Sinn machen. Ich sage, dass es nicht die Antwort auf das Innovators Dilemma ist. – Aber was ist dann die Antwort?

Was Konzerne tun sollten
Amazon und Google sind prominente Beispiele für Firmen, die den Status Startup lange hinter sich gelassen haben – und es doch schaffen kontinuierlich innovativ zu sein.
Mannesmann halte ich für ein spannendes und wenig beachtetes Beispiel. In den 1990er Jahren wurde das Unternehmen von Herrn Esser radikal vom Misch- zum Telekommunikationskonzern umgebaut. Das war extrem innovativ und trotzdem auch in einem Konzern möglich.
Als Steve Jobs zu Apple zurück kehrte war Apple schon lange kein Startup mehr. Er traf im Gegenteil auf typische Konzernstrukturen – und doch wurde Apple hochgradig innovativ. Immer wenn es gut lief, kam Steve mit etwas neuem…
Apple ist für mich nicht nur ein Beispiel, dass Innovation im Konzern möglich ist, sondern auch dafür, dass es ein Vorteil sein kann, wenn man als Unternehmen etwas aufzuholen hat: Wer einen Schritt überspringt, ist am Ende oft schneller. Apple übersprang mit dem iPhone gleich unzählige Schritte, die Nokia zuvor gegangen war. Entscheidend ist aus meiner Sicht – und bei allen vorgenannten Beispielen schön zu sehen – das überhaupt gesprungen wird!

Dabei treiben die Big Player im Valley nicht jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf. Sie fokussieren immer eine große Vision, starten mit der Lösung der größten Teilaufgabe und verbessern diese in der Folge inkrementell. Der größte Unterschied liegt darin, dass auch dem Neuen viel Raum gegeben wird. Das man viel eher bereit ist auch radikale Schritte durchzuführen. Das Wissen darum, dass man selbst jederzeit disruptiert werden kann, hält wach.

Wir alle kennen mittlerweile die Geschichte von Kodak, dem Erfinder der Digitalfotografie. Daimler, als Erfinder des Automobils und Halter der meisten Patente zur Selbstfahrtechnik ist drauf und dran ein ähnliches Schicksal zu nehmen. Weil man zwar alles richtig gemacht hat, aber in letzter Konsequenz sich nicht getraut hat das zu machen warum man überhaupt existiert: Bessere Produkte entlang seiner Kernkompetenz zu entwickeln. Das hat man sich nicht getraut. Vermutlich weil man, wie bei Kodak Angst hatte, dass es den Shareholder Value zu sehr belastet. Diesem haben wir viel zu lange viel zu viel untergeordnet. Ob sich das aber in unseren Kapitalgesellschaften überhaupt ändern lässt? Sicher nicht ohne die Unterstützung der großen Anteilseigner. Welche Verbindung haben aber diese wirklich zu einem Unternehmen? Kapital zieht wesentlich einfach weiter, als Unternehmen neue Geschäftsmodelle entwicklen können. Also doch aufgeben?

Wie so oft im Leben liegt der Ausweg darin, einfach sein bestes zu geben. Einfach zu machen. Wovor haben wir eigentlich Angst? Methoden, Technik und Produkte können wir stehlen, kaufen oder adaptieren. Nur trauen müssen wir uns ganz alleine. Uns und anderen viel mehr zutrauen. Wieder die besten der Welt in unserer Disziplin sein wollen. Sich nicht mit „gut“ zufrieden geben. Das ist das, das ist die Essenz die wir uns wirklich vom Silicon Valley abschauen sollten. Nicht einfach irgend etwas machen, sondern gestalten. Mit echtem Interesse für die Menschen. Nicht verbessern, sondern revolutionieren.

Wir müssen deshalb zuallererst wieder Visionen entwickeln. Echte Visionen, keine Allgemeinplätze. Für uns selbst. Für unser Unternehmen. Für unsere Produkte. Für unsere Kunden und für unser Land. Alles andere ergibt sich daraus…

Eine Frage zum Schluss: Wer leitet ihr Unternehmen? Was ist die Vision, was der wirkliche Sinn? Wenn ihr CEO das nicht klar beantworten kann, sollte er seinen Stuhl räumen. Jedenfalls wenn es nach mir ginge 😉

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