SAP S/4 HANA – Jetzt wird alles einfach. Aber bitte nicht einfacher!

Die vierte Generation der Business Suite, „S/4 HANA“ wurde Anfang Februar präsentiert. Offiziell steht in „S/4 HANA“ das „S“ für simple, die „4“ für die vierte Generation der (Business-) Suite. „HANA“ weil dieses Release nicht einfach für HANA optimiert, sondern komplett neu für HANA entwickelt wurde. Wie alle neuen Produkt erscheint auch S/4 HANA zunächst in der Cloud, später dann „on premise“, also als Version zur Installation beim Kunden.

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Quelle: SAP

Simplicity und Cloud. Dies ist nicht nur auf S/4 HANA gemünzt, sondern beschreibt die neue Strategie der SAP. Doch warum ist das eigentlich so?

Die erfolgreichsten SAP Systeme waren in die Jahre gekommen. Insbesondere die Oberflächen waren schon seit langem nicht mehr zeitgemäß. Die Datenstrukturen komplex und verkrustet. Auf Grund des immensen Aufwands dies zu ändern betrieb man jahrelang nur Kosmetik. Die SAP verbrachte lange Zeit in einer Art Dornröschenschlaf (siehe auch „Eine kurze Geschichte der SAP„).

Es bedurfte eines Weckrufs. Dieser kam durch Hasso Plattner in Form der HANA. Quasi über Nacht hatten „Hasso and his five guys“ (Larry Ellison) die beste In-Memory Datenbank der Welt aus dem Hut gezaubert.
Der Riese war erwacht. Man besann sich plötzlich wieder auf seine Stärken. Nun musste nur noch alles auf den richtigen Weg gebracht werden. Zum Glück für SAP hatte Hasso Plattner auch diesen Ehrgeiz noch! SAP eifert seitdem dem nach, was Apple vorgemacht hat. Schicke Benutzeroberflächen, schnelle Antwortzeiten und Zugriff über jedes Endgerät. SAP ist drauf und dran das Apple der Firmenkunden werden.

„Innovation without disruption“, also Innovation ohne Einschränkungen in bestehenden Systemen sollte es den Bestandskunden leicht machen den Weg mitzugehen. Dafür stand Vishal Sikka. Kein Kunde sollte auf der Strecke bleiben ohne das dadurch der Innovationsmotor ins Stocken geraten sollte. Das war kundenorientiert UND innovativ. Im Umkehrschluss führte dieser Ansatz (bei gleichzeitig hohen Lizenzgebühren für neue Produkte) wohl nicht zu den erwarteten Umsatzsprüngen. Es gelang bei großen Teilen der Kunden einfach nicht den entsprechenden Bedarf zu aktivieren.

Dr Marco Lenck, Vorstandsvorsitzender der DSAG spricht in einem im Oktober 2014 veröffentlichten Video von über 80% der deutschen und amerikanischen SAP Kunden die für den Einsatz der Business Suite on HANA keinen Business Case sehen.

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Es wäre nicht verwunderlich, hätten die Verantwortlichen angesichts solcher Tatsachen die Geduld verloren. Um Hemmschwellen beim Um- oder Einstieg abzubauen (ohne deshalb auf Profit zu verzichten) musste aus Sicht der SAP-Verantwortlichen wohl ein Strategiewechsel her. Die „Era of AND“ war zu Ende. Vishal Sikka verließ SAP. Ob das nur Zufall sein kann?

„Simplify everything, so we can make anything“ lautet nun die Antwort auf die Frage nach dem Sinn eines Wechsels auf die neue Plattform. Kaum eine Veranstaltung der SAP kommt derzeit ohne das offenbar unvermeidliche Motto aus. In allen Produkten der neusten Generation wird deshalb ein „s“ vor den Produktnamen gestellt. Das „s“ steht selbstredend für „simple“.

Als erste Komponente der neuen Produktgeneration wurde SAP HANA Simple Finance / sFinance bereits im letzten Jahr vorgestellt. sFinance bestand aus Buchhaltung (General Ledger), Liquiditäts-Management und einer integrierten Finanzplanung. In diesem Jahr wird SAP HANA Simple Logistics / sLogistics folgen.
SAP plant auch alle übrigen ERP-Module innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahren für HANA neu zu entwickeln.

HANA Cloud Platform FIVE1
Quelle: SAP

Drei wesentliche Aspekte unterscheiden S/4 HANA von der klassischen Suite. Dank der HANA Datenbanktechnologie war man in der Lage die historisch gewachsene Tabellenstruktur aufzuräumen. Keine Information wird mehr redundant abgespeichert. Im Durchschnitt soll so nur noch ein Zehntel des früheren Speicherbedarfs notwendig sein. Der SAP Core wurde vollständig neu programmiert. Um es ganz klar zu sagen: S/4 HANA wird nicht mit einer anderen Datenbank als HANA zusammen arbeiten. Transaktionen sollen dadurch zwischen drei und siebenmal schneller geworden sein. Die Benutzeroberfläche wurde vollständig neu gestaltet. Mittels SAP Fiori wird S/4 HANA mit schicken Oberflächen im Browser gesteuert. Die gesamte Konfiguration wurde vereinfacht, Testscripts und Testdaten wurden direkt in die Software mit eingebaut. Ein Upgrade-Pfad ist verfügbar. In diesem Zusammenhang wichtig zu wissen ist, dass auch S/4 HANA auf ABAP basiert. So sollen bestehende Kundenentwicklungen prinzipiell weiter funktionieren. Mit Aufwand für Nacharbeiten ist zu rechnen.

Ob Sie das alles brauchen ist eine andere Frage. Das kann man wohl nur beurteilen wenn man es einmal ausprobiert hat. Diese Einstiegshürde soll durch Cloud-Computing abgebaut werden. SAP bezeichnet sich nun jedenfalls als die Cloud-Company. Simplicity und Cloud. Die Rechnung scheint bereits aufzugehen. „Die Kunden ersetzten traditionelle Software-Lizenzen zunehmend durch zunächst günstigere Mietsoftware aus dem Internet.“ Quelle: Handelsblatt. Für S/4 HANA verspricht SAP sogar, dass ein Wechsel aus der Cloud zu einer „on premise“-Installation (und umgekehrt) möglich sein wird.

Das klingt doch alles wirklich wunderbar einfach. Nun ist das mit der Einfachheit aber so eine Sache. Kein Softwaredesigner wollte wohl jemals besonders komplizierte Software entwerfen. Die Kunst liegt eben genau darin eine Vielzahl von Funktionen einfach und intuitiv zu präsentieren. Noch nie wollte man erst ein Handbuch lesen müssen bevor man ein Gerät oder eine Anwendung bedienen konnte. Vor zwanzig Jahren wusste man schlicht und ergreifend noch nicht wie man es besser machen konnte. Auch Design fällt nicht vom Himmel, sondern muss erst erdacht werden.

Hasso Plattner geht so weit, dass er die Fähigkeit zum einfachen Design der amerikanischen Kultur zu- und der deutschen abspricht. Als Beispiel nennt er einmal mehr Apple aber insbesondere Google.
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Ich mag die im Video ab 27:49 erzählte Geschichte von deutschem und amerikanischem Backofen. Darin liegt viel Wahrheit. Herr Plattner irrt jedoch, sollte er das Konzept 1:1 auf die neue SAP Produktgeneration übertragen wollen. In seinem Beispiel wird Einfachheit durch einen stark reduzierten Funktionsumfang erreicht. Das ist keine Kunst. Entferne ich aus einem Auto alle Innovationen der letzten 20 Jahre so ist es ebenfalls viel leichter zu bedienen. Reduziere ich den berüchtigten Videorekorder auf die Tasten Aufnahme und Wiedergabe wird es ebenfalls viel einfacher. Ich verliere dadurch aber sehr viel von dem was diese Produkte auszeichnet. So liegt die Genialität der Bedienkonzepte von Apple und Google eben genau darin sehr viel Funktionalität besonders einfach anzubieten.

Einige SAP Veranstaltungen die ich in den letzten Monaten besuchen durfte lassen befürchten, dass die Definition der neuen SAP Einfachheit noch nicht bei allen Mitarbeitern richtig angekommen ist. Den Leitspruch „Simplify everything, so we can make anything“ scheint so manchen dazu zu inspirieren Einfachheit, in Analogie zu Hasso Plattners vorgenannter Matspher, durch bloßes Weglassen erreichen zu wollen. So einfach sollte man es sich bitte gerade nicht machen. Kein SAP Bestandskunde, jedenfalls keiner von dem ich gehört hätte möchte aber auch nur auf die kleinste Funktion die er heute im Einsatz hat verzichten. „Simplify everything, so we can make anything“ darf nicht bedeuten, dass man glaubt nun mit seinen Kunden machen zu können was man will. Nimmt SAP diese letzte Hürde, so kann S/4 HANA eigentlich nur noch erfolgreich werden. Aber war das nicht „Innovation without disruption“?

So einfach wie möglich. Aber nicht einfacher. Albert Einstein

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