SAP HANA – Das Ende des Business Warehouse?

Bereits vor einigen Tagen ging das erste SAP HANA 1.0 Projekt im Rahmen des Ramp-Up Programms live. Die ersten Kunden können nun also mit SAP HANA sehr große Datenmengen im Hauptspeicher halten und in „real real time“ auswerten. Eine gute Gelegenheit die seit meinem letzten Beitrag zum Thema gewonnen Erkenntnisse auf den aktuellen Stand zu bringen.

Was ist HANA denn nun eigentlich? Was bedeutet HANA für die Zukunft der SAP-Software und insbesondere des Business Warehouse – und wenn wir schon dabei sind, für was braucht man mit HANA überhaupt noch ein Business Warehouse? Welche Frontendtechnolgien wird es geben und wie funktioniert das im Zusammenspiel mit HANA?

Auf alle diese Fragen möchte ich in meinem Blog versuchen eine Antwort zu geben. Doch eins nach dem anderen…

Als Einstimmung eignet es sich ganz gut sich den folgenden, bei youtube verfügbaren Videoclip der SAP zum Thema „real-real time“ anzusehen. Hier wird recht unterhaltsam deutlich, welche Auswirkungen die Datenhaltung im Hauptspeicher haben wird.
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Das Produkt mit dem diese Vision Wirklichkeit wird heißt HANA. High-performance ANalytic Appliance. Durch das Wort „Appliance“ wird dabei die Notwendigkeit zum Kauf von Soft- und Hardware als Paket ausgedrückt. Aufgrund des Ansatzes einen Großteil der Daten im Hauptspeicher zu halten kann eine solche Datenbank nicht mit jedem beliebigen System betrieben werden. Daher macht es Sinn die Datenbank als Bundle mit der notwendigen Hardware zu vertreiben.

Da es sich bei HANA um eine neue Datenbank handelt müssen Daten zunächst in das neue System kopiert oder repliziert werden. Dies kann entweder durch einen „klassischen“ Ladeprozess erfolgen oder für Daten aus dem SAP ERP über den Sybase Replication Server. Letzterer sorgt dafür, dass zum synchronisieren der Daten nicht permanent Deltaanfragen an das ERP-System gestellt werden müssen, sondern bei Änderungen die Daten per „push“ nach HANA übertragen werden. Das schont die Ressourcen der Datenbank und entlastet gleichzeitig das Netzwerk.


In HANA wird es zwei verschiedene Arten der Datenhaltung geben. Zum Einen die bekannte zeilenbasierte Speicherung der Daten und zum Anderen die neue spaltenbasierte Datenhaltung. Die Spaltenorientierung ist ein relativ neues Konzept um Datenzugriffe weiter zu beschleunigen. Man kann sich das Prinzip vereinfacht so vorstellen, dass auf jeder Spalte einer klassischen Datenbanktabelle ein Index liegt und beim Lesen erst nach Ermittlung der zutreffenden Werte die Zeileninformation ermittelt werden.


Die Daten- oder besser Abfragemodellierung erfolgt ähnlich der klassischen JOINS über Tabellen. Das Ergebnis solcher Abfragen ist ein View. Die SAP nennt diese Views Attribute Views, Analytical Views oder Calculation Views. Ein einfacher View über Tabellen wird als Attribute View bezeichnet und ist inhaltlich mit der Modellierung eines Infoobjekts im SAP BW vergleichbar. Konsequenterweise können in einem Attribute View daher auch bereits auch hierarchische Beziehungen abgebildet werden.

Der eigentliche Zugriff auf Daten erfolgt über Analytical Views. Diese bestehen aus Tabellen und optional aus Attribute Views. Auch hier können unterschiedliche JOIN Operationen wie Inner- Left-/Right-Outer- oder Full-Outer-JOIN verwendet und verschiedene Kardinalitäten eingestellt werden. Auch eingeschränkte und berechnete Kennzahlen (measures) können hier definiert werden. Der Analytical View ist somit am ehesten mit einem Infocube des SAP BW vergleichbar.
Um gänzlich dynamische Abfragen zu erstellen kann ein Calculation View verwendet werden. Hier wird zunächst ein Analytical View über ein SQL Statement aufgebaut. Dieses SQL – Statement kann später in bestimmten Grenzen durch die Frontendwerkzeuge modifiziert werden. Dieses Konzept ist am ehesten mit einem Virtual Provider mit Services des Business Warehouse verglichen werden.

Das Information Design-Tool löst mit SAP BO BI 4.0 das Universe Design-Tool ab. Die neuen, etwas mächtigeren Universen sind in der Lage Daten aus HANA (und anderen Datenquellen) semantisch aufzubereiten. Insbesondere ist aber kein Zugriff auf HANA 1.0 mit dem SAP BW möglich ohne den Geschwindigkeitsvorteil von HANA zunichte zu machen. Damit stehen auch die SAP BW BEx Frontendtools nicht zur Verfügung. Zur Frontend-Implementierung kann also der Dashboard-Designer (XCelsius), Advanced Analysis (Pioneer), Crystal Reports oder der BO Explorer eingesetzt werden. Auch mobile Anwendungen sind möglich.

Frühestens mit SAP HANA 1.5 wird es dann möglich sein HANA als einzige Datenbank unter SAP BW (ab 7.3 SP4) einzusetzen. Möchten Sie bereits heute für Ihr Business Warehouse die Vorteile der In-Memory Technologie nutzen empfehlen wir den Einsatz des SAP BW Accelerators (BWA) 7.2. Die notwendige Hardware kann für den späteren Einsatz mit HANA wiederverwendet werden. Bei den Lizenzkosten kann man mit der SAP vereinbaren diese mit den Lizenzkosten beim Wechsel auf HANA zu verrechnen.

Warum und wozu nun aber überhaupt noch SAP BW, wenn doch HANA alles besser, schneller und schöner macht? Wenn mit dem Information Designer ein Tool vorhanden ist um Daten aus verschiedenen Quellsystemen in gemeinsamen semantischen Layern zu organisieren?

Zur Beantwortung dieser Frage muss man sich meiner Meinung nach in Erinnerung rufen was das Business Warehouse im Kern ist: Ein Tool um Datenbanken einfacher und effizienter zu nutzen. Das BW ist der Werkzeugkasten um einfacher bessere Lösungen auf Basis einer Datenbank zu erstellen.

HANA ist die neue Datenbank, das ändert wenig am Sinn eines BW. Dies wurde ja auch an mehreren Stellen durch die SAP bereits bestätigt. Es wird es auch in Zukunft nötig sein gewisse Zusatzinformationen wie Währungen, Berechtigungen, Stammdaten hinweg über semantische Schichten zu administrieren. Daten müssen harmonisiert, transformiert und dazu aus Drittsystemen extrahiert werden. Eine zentrale Datenhaltung von Regeln, Kommentaren und anderen Steuerungsmechanismen bleibt unverändert ein großer Mehrwert eines BW. Ob man diese Funktionalität nun neu in einer Toolbox für HANA bereitstellt oder die Toolbox SAP BW wiederverwendet ist letztlich vom Ansatz her egal. Interessant wird sein in wie weit es gelingen wird (oder es überhaupt vorgesehen ist) HANA in die bestehende BW-Welt (und Logik) zu transportieren. Im Prinzip könnte ja jeder Analytical View in HANA als Infocube im SAP BW dargestellt werden, ohne dass deswegen zwingend die Daten tatsächlich im Sternschema abgelegt sein müssten. In jedem Fall gibt es aus Sicht der Datenbank keinen Unterschied zwischen DSO und Infocube mehr. Das ist insofern besonders interessant weil die SAP derzeit häufig vom Ende der Infocubes spricht. Man könnte daraus schließen, dass in zukünftigen Versionen des SAP BW nun doch keine anderen Datenbanken als HANA vom Business Warehouse unterstützt werden – oder das man analog zu BO PC zwei Produktlinien anbieten wird. Eine optimiert für HANA, eine wie gehabt. Letzteres kann ich mir allerdings nur schwer vorstellen. Andererseits spräche dafür, dass noch auf der TechEd im vergangenen Jahr versprochen wurde, dass auch in Zukunft das BW mit anderen Datenbanken als HANA funktionieren wird.

Mit ABAP 8.0 wird, wie durch Thomas Jung auf der TechEd zu erfahren war, auch an einer ganz neuen Version des ABAP-Stack gearbeitet. Wann dieser verfügbar sein wird steht noch in den Sternen. In jedem Fall wird dieser, meiner Meinung nach, die Basis für die langfristig geplante Verschmelzung von ERP und BW legen. D.h. spätestens dann wird die Funktionalität des einen Tools in die des anderen integriert. Das ERP im BW nachzubilden halte ich für wenig wahrscheinlich. Die Tage des BW als eigenständiges Produkt sind also gezählt, auch wenn es noch eine ganze Weile dauern dürfte bis es soweit ist.


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5 Kommentar auf “SAP HANA – Das Ende des Business Warehouse?
  1. Max Tester sagt:

    Hallo Sven!

    Vielen Dank für deine ausführliche Info und das Angebot, mir bei Bedarf zu helfen.

    Ich werde bei weiteren Fragen auf dich zukommen.

    Gruß

    Max

  2. Sven Zech sagt:

    Hallo Max.
    Der BWA ist in der Tat „nur“ in der Lage einen Performancegewinn im SAP BW zu erreichen. HANA dagegen ist eine In-Memory Plattform. Im Augenblick ist der wesentliche Bestandteil dieser Plattform die HANA-Datenbank. Ab SP3 kann HANA für das SAP BW als „Ersatz für den BWA“ eingesetzt werden, also das ganze BW (und nicht nur einzelne Infoprovider) beschleunigt werden. Der SAP LT Server ist eine Möglichkeit Daten in Echtzeit nach HANA zu replizieren. Eine andere Möglichkeit wäre beispielsweise das SAP BO Tool „Data Services“. Ich empfehle Dir in jedem Fall auch dazu meinen erst kürzlich verfassten Beitrag „Mit SAP HANA aus der Data Warehouse Falle?“ durchzulesen. Dort gehe ich vertiefend auf den Mehrwert ein den HANA bereits heute bieten kann. Bei weiteren Fragen helfen ich aber auch gerne telefonisch weiter. Kontaktdaten einfach per email an info@five1.de

  3. Max Tester sagt:

    Hallo Sven!

    Mir ist der Unterschied zwischen HANA und dem BW-Accelerator noch nicht ganz klar.

    Besteht der einzige Unterschied darin, dass beim BWA nur die Daten vom BW in-memory gespeichert werden und bei HANA jedes X-beliebige SAP und Non-SAP – System angeschlossen werden kann (via SLT) ?

    Danke für die Beantwortung meiner Frage.

  4. Sven Zech sagt:

    Hallo Ramina. Wie in jeder anderen Datenbank kann auch in HANA selbstverständlich ein Datenmodell angelegt werden. Viele Objekte haben dabei entsprechende Gegenstücke im SAP BW. Das heisst aber nicht, dass HANA 1.0 gleichzusetzen ist mit dem SAP BW. Das SAP BW steuert die Datenbank und basiert auf dem ABAP Applikationsserver. Gerade letzteres bietet einen enormen Mehrwert gegenüber einer „nackten“ Datenbank. Mit HANA 1.5 und BW 7.3 kann HANA als Datenbank unter SAP BW eingesetzt werden. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die SAP hat bereits bestätigt, dass es irgendwann einmal (in jedem Fall nicht vor HANA 2.0) auch einen Applikationsserver speziell für HANA geben wird. Ich gehe sehr stark davon aus, dass das das neue BW auf Basis von ABAP 8.0 sein wird. Dies wird dann auch die Grundlage sein für die Integration des ERP. Letzteres steht aber wirklich noch in den Sternen.

  5. Ramina sagt:

    Hallo Sven! Ein sehr interessanter Beitrag! Ich weiß nicht, ob ich das richtig verstanden habe. Ist es denn wirklich mit HANA möglich die Datenmodelle (Star-Schema) abzubilden? Also werde ich in der Zukunft nicht mit SAP BW die InfoObjects usw. modellieren, sondern mit HANA und diese werden andere Bezeichnungen haben? Ich würde mich auf Deine Antwort freuen! Danke!

    Ramina

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