Mindset und exponentielle Geschäftsmodelle – Silicon Valley Inspiration Tour Tag 1

Der Tag beginnt mit einem Spaziergang. Jetlagg-bedingt habe ich genug Zeit mich in Fishermans Wharf umzusehen. Leider ist umsehen heute relativ. Alcatraz ist durch den Nebel gerade noch zu sehen. Von der Golden Gate Bridge am Horizont keine Spur. Es sollte die einzige Enttäuschung des Tages bleiben.
Wir starten mit dem gegenseitigen Kennenlernen beim gemeinsamen Frühstück. Niki, der Kurator der Tour, kommt gleich zur Sache und gibt uns einen ersten Rundumblick auf das hier vorherrschende Mindset. „Lasst uns nicht mehr den Fokus darauf legen, dass Personen unsere neuen Produkte wollen. Stattdessen sollten wir unser Ziel darauf richten, dass wir Produkte entwickeln, die Menschen wollen.“ Klingt im ersten Moment vielleicht wenig spektakulär, ist es aber doch. Wir haben global verlernt zu überlegen, warum wir eigentlich etwas tun. Das nicht das Geld und der Shareholder Value oberste Maxime sein dürfen, sondern das Lösen von Problemen, von Dingen, die wir so nicht mehr akzeptieren sollten wie sie heute sind. Das wirklich zu verinnerlichen und zu begreifen und zu was es bedeutet, sein Geschäft nach dieser Maxime auszurichten ist, so wie ich es jetzt verstehe, Nikis eigentliche Mission.

Die eigentliche Tour beginnen wir mit einem Rundgang bei Autodesk. Autodesk habe ich bisher nur mit CAD-Software in Verbindung gebracht. Heute habe ich gelernt, dass die Vision viel größer ist: Autodesk sieht sich als Unternehmen, dass dabei hilft beim Bau von Objekten möglichst effizient mit Ressourcen umzugehen. So war man beispielsweise beim Entwurf eines Hochhauses mit positiver Energiebilanz maßgeblich beteiligt. In Verbindung mit den Möglichkeiten des 3D-Drucks entstehen faszinierende Objekte wie die (aus Stahl) gedruckte Brücke, ein (aus Plastik) gedrucktes Kleid oder künstlich „gedrucktes“ -wirklich essbares- Essen (letzteres mussten wir glauben, eine Essprobe gab es nicht :-))
Mit Hilfe des so genannten „generative design“ kann Autodesk hunderte oder tausende von Designs von Objekten durch Software in zuvor definierten Grenzen erstellen lassen. So entsteht eine neue Art von Produkten, die nicht allein vom Menschen oder allein vom Computer erfunden werden könnten. Faszinierend!

B8ta is ein anderes Beispiel wie ein Problem eines traditionellen Marktes neu gedacht werden kann. Klagt der stationäre Handel typischerweise über Kunden, die nur ausprobieren – und dann doch online kaufen ist genau dies das Geschäftsmodell von B8ta. Anders als herkömmliche Händler lebt die Firma nicht vom Warenumsatz, sondern erhebt von den Herstellern eine monatliche Platzierungsgebühr, die pro laufenden Meter oder Tisch abgerechnet wird. Zusätzlich erhebt man Daten. Hochauflösende Kameras verfolgen jeden Besucher und registrieren genau, wie lange sich wer mit welchem Produkt beschäftigt. Die überaus freundlichen und kompetenten Kundenberater registrieren, welche Fragen gestellt wurden. B8ta versteht Handel als Service am Kunde und für den Hersteller.
In der Praxis verfliegt die Begeisterung leider recht schnell. Wer schon einmal über einen längeren Zeitraum sich bei Kickstarter oder Indiegogo umgeschaut hat, wird feststellen, dass die allermeisten Produkte so immer wieder „erfunden“ werden. Die nächste beste Zahnbürste, Drohne Lautsprecher oder Rucksack. Genau das ist auch das Problem von b8ta. Das Konzept an sich halte ich trotzdem für genial. Es löst das eigentlich Problem des Kunden, das Bedürfnis nach ausprobieren und anfassen. Es löst das Problem der Hersteller mehr über ihre Kunden zu erfahren. Vielleicht ein Beispiel dafür, dass eine gute Idee nicht immer sofort durch die Decke gehen muss, um eine gute Idee zu sein. Man probiert und lernt daraus und irgendwann hat man das Modell das wirklich „durch die Decke“ geht.

Im Galvanize Co-Working Space erfahren wir viel über exponentielle Geschäftsmodelle. Das Potential von Plattformen, dem Ziel das Betriebssystem eines Problems zu sein. Die Unsinnigkeit der frühen Frage nach der Skalierbarkeit einer Idee. Das Innovationen aus dem inneren eines Unternehmens heraus nicht funktionieren. Wir diskuttieren über das Problem hinter dem Problem und fragen uns „what if“. Niki stellt die etwas provokante These auf, dass es Vertrieb und Marketing in Zukunft nicht mehr geben wird. Wenn wir Produkte sowieso nach Kundenwunsch herstellen, was bedeutet dies dann für… Das darf jetzt jeder einmal als Übung selbst sinnvoll ergänzen und zu Ende denken…

So geht viel zu schnell der erste Tag zu Ende. Mit dem Gedanken, dass Firmeninhaber, Familienbetriebe, unser grundsolider deutscher Mittelstand mit einer dem Silicon Valley Mindset nicht unähnlichen Einstellung früher groß geworden sind, falle ich noch immer sehr gejetlagged ins Bett. Vielleicht liegt hierin ja irgendwie eine Chance für Deutschland…

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