Die Integration ist tot, es lebe die Cloud!

Sie haben SAP ECC und NetWeaver installiert und wollen nun die BO Tools unternehmensweit einsetzen? Herzlichen Glückwunsch an Ihren Hostingpartner. Dafür wird wohl ein neuer Server fällig… Doch Moment mal. Da gibt es doch diese Cloud in der einfach alles irgendwie und auch noch viel einfacher funktioniert?


Was ist diese Cloud denn aber nun eigentlich?

Cloud Computing umschreibt den Ansatz, abstrahierte IT-Infrastrukturen (z. B. Rechenkapazität, Datenspeicher, Netzwerkkapazitäten oder auch fertige Software) dynamisch an den Bedarf angepasst über ein Netzwerk zur Verfügung zu stellen. Die IT-Lösungen werden durch Multi-Tenancy-Architekturen skalierbar. Bei dieser Architektur wird nicht für jeden einzelnen Kunden eine dedizierte Infrastruktur bereitgestellt. Alle Nutzer arbeiten auf der gleichen Plattform. Nur eine einzige Software-Instanz bedient in virtuelle Partitions unterteilt jede Client-Gruppe mit einer kundenspezifischen virtuellen Anwendungsinstanz.

Ist die einzelne Instanz anwendungsspezifische dimensioniert und arbeitet als Software-as-a-service (SaaS) oder Platform-as-a-service (PaaS) so spricht man von der so genannten Public Cloud. Davon zu unterscheiden ist die Private Cloud (auch Managed- oder Industry- Cloud genannt).
Cloud Computing
Quelle: SAP

Auch hier können sich mehrere Kunden die gleiche Infrastruktur teilen. Allerdings ist die Architektur individueller und die Software viel stärker zugeschnitten auf den jeweiligen Bedarf. Die Industry Cloud ist durch Firewalls oder andere Mechanismen vom öffentlichen Netz abgeschottet.

Haben Sie bspw. mehrere SAP Systeme mittels VM-Ware auf einem einzigen Server virtualisiert, steht dieser Server vielleicht nicht bei Ihnen im Büro und greifen Sie über eine Netzwerkverbindung darauf zu, dann nutzen auch Sie schon heute eine Industry Cloud. So schnell wird man zur Cloud-Company. Es kommt eben nur auf die Definition an.


Also alles nur alter Wein in neuen Schläuchen? Was steckt hinter dem massiven Werben für die Cloud?

Wenn Softwarehersteller von Cloud Computing sprechen interessiert sie das geänderte Bereitstellungsmodell nur am Rande und als Mittel zum Zweck. In erster Linie liegt der Mehrwert für den Anbieter in den neuen Lizenzmodellen die durch Cloud Computing möglich werden. Weil die Software in den Händen des Herstellers verbleibt, verbleiben auch alle Möglichkeiten zu kontrollieren und zu protokollieren bei ihm. Mit Cloud Computing können daher Dienste nun abhängig von der tatsächliche Zahl der Nutzer und entsprechend deren individuell benötigten Funktionsumfangs angeboten werden. Auch eine Abrechnung nach Datenvolumen oder der Anzahl der Transaktionen ist möglich. So können hohe Anfangsinvestitionen entfallen und auf einzelne Nutzergruppen und über die Laufzeit aufgeteilt werden. Letztlich sind die Cloud Computing Lizenzmodelle die Antwort auf die Verschiebung der IT-Budgets in den Unternehmen weg von der IT und hin zu den Fachabteilungen. Wo Abteilungsübergreifende Anschaffungen und Entscheidungen immer schwerer zu realisieren sind können auch große Softwarelösungen mit Hilfe der Cloud in Einzelteilen an die einzelnen (Fach-)Abteilungen verkauft werden.


Ein Beispiel

Schauen wir uns den Marktführer im Cloud Computing genauer an. Salesforce.com stellt ausschließlich Geschäftsanwendungen für Unternehmen zur Miete über das Internet zur Verfügung. Salesforce ist also ein reiner Anbieter von Software as a Service (SaaS) und vor allem auf Customer Relationship Management (CRM) für Unternehmen jeder Größe spezialisiert. Starten kann man praktisch Ad-Hoc über das Internet ohne Hardware zu bestelle und ohne etwas zu installieren. Salesforce rechnet pro Benutzer und abhängig vom benötigten Funktionsumfang auf Monatsbasis ab. Die Preisspanne reicht dabei im Bereich CRM derzeit zwischen 4,-€ und 315,-€ pro User und Monat. Durch die Herabsetzung der Eintrittsbarrieren wirkt Cloud Computing wie eine Einstiegsdroge. Über Ausgabe solch vermeintlich geringer Beträge entscheiden Fachbereiche oft selbst und ohne störende IT.
Bei einer durchschnittlichen Nutzungsdauer (gemäß AfA) von 5 Jahren kommt man auf Gesamtkosten zwischen 240,-€ und 18.900,-€. Wohlgemerkt pro User. Salesforce.com ist auf dem Weg die 4 Milliarden Dollar Umsatz-Grenze zu durchbrechen.


Die Risiken beim Einsatz des Cloud Computing

Das Risiko welches unmittelbar aus der Nutzung solcher Angebote folgt ist enorm und wird häufig unterschätzt.
Richard Stallman 2009, Quelle: WikipediaRichard Stallman, Gründer des GNU-Projekts und einer der einflussreichsten und produktivsten Programmierer weltweit hält Cloud Computing für eine Falle mit dem Ziel immer mehr Menschen an teure proprietäre Software zu binden. Als weiteren Grund auf Cloud Computing zu verzichten nennt er den Verlust der Kontrolle. Man begibt sich in die Hand des Softwareanbieters.
Auch andere Technikexperten stehen der Cloud skeptisch gegenüber. Steve Wozniak, Mitgründer von Apple prophezeit, dass das Auslagern von Daten ins Internet „furchtbare Probleme“ nach sich ziehen werde. “I really worry about everything going to the cloud,” […] “I think it’s going to be horrendous. I think there are going to be a lot of horrible problems in the next five years.”
So dürfen beispielsweise US-Geheimdienste auf Grundlage des Antiterrorgesetzes „Patriot Act“ auf Informationen von US-Unternehmen zugreifen. Dazu gehören auch Daten auf deren Servern.

Als SAP Berater predigen wir seit Jahren einen möglichst hohen Integrationsgrad der eingesetzten Software. Durch Herabsetzen der Eintrittsbarrieren im Cloud Computing droht nun das genaue Gegenteil.

Die Verlockung für IT und Fachbereich sich eine (weitere) Lösung ins Haus zu holen steigt. Liegen Ihre Daten erst einmal bei einem Anbieter wie Salesforce.com, haben Sie oder Ihr Fachbereich sich eingearbeitet und die wichtigsten Schnittstellen eingerichtet, so werden Sie sich ebenso leicht oder schwer von diesem Anbieter wieder trennen wollen wie bei jedem anderen Bereitstellungsmodell. Jede weitere Diversifikation der im Unternehmen eingesetzten Software-Landschaft erhöht zwangsläufig die Zahl der Schnittstellen. Dies potenziert die Komplexität und den Know-How-Bedarf Ihrer Mitarbeiter.
Liegen IT-Budgets im Fachbereich steigt das Risiko von Anschaffungen an der IT und allen Governance Richtlinien vorbei. Die Folge ist ein Aufweichen der IT-Strategie und ein stetiger Kompetenzverlust ihrer internen IT. Im Fehlerfall droht Ihnen Vendor Ping Pong. Ein Anbieter wird die Schuld beim anderen suchen. Debugging und Fehlersuche werden ungleich schwerer. Da Abteilungen nur ihre Teilprozesse betrachten werden die viel zitierten Total cost of ownership (TCO) des Gesamtsystems meist zu niedrig angesetzt oder sogar gänzlich übersehen.


SAP, die Cloud und die neue Einfachheit

Keynote Bill McDermott 2014
Quelle: SAP (Anmeldung erforderlich zur Wiedergabe)

“SAP is simple from now on!” versprach SAP CEO Bill McDermott in seiner Keynote auf der SAPPHIRE in diesem Jahr. Die These dahinter ist, dass in erster Linie Komplexität Unternehmen daran hindert innovativ zu sein und zu wachsen.

Viele Softwareanbieter, nun auch SAP, verwenden die Cloud als Synonym für Einfachheit. Dabei wird per se nichts einfacher nur weil es aus der Cloud kommt. Dennoch ist das Versprechen das alles einfacher werden wird nicht aus der Luft gegriffen. Die Innovation der SAP Cloud liegt im Kern in SAP HANA als Plattform. Leider wurde SAP HANA im Marketing der SAP aber ziemlich strapaziert. Deshalb musste ein anderer Aufhänger gefunden werden: Die Cloud.

Cloud-Anwendungen kommen meist mit einem schicken Userinterface daher. Komplexität wird so weit wie irgend möglich ins Backend verschoben. SAP HANA ist dafür der perfekte Gegenpart. Durch die Möglichkeiten die SAP HANA bietet können Datenmodelle verschlankt und Prozesse effizienter gestaltet werden. Schlanker, weil HANA die Daten komprimiert und zahlreiche Tabellen wegfallen können, die auf Grund früherer Restriktionen nur als Zwischentabellen oder zur Aggregation benötigt wurden. Schneller, weil die Daten und alle Berechnungen im Hauptspeicher optimiert auf eine Multi-Core-Architektur ausgeführt werden. SAP HANA ist es zu verdanken, dass die SAP begonnen hat ihre gesamte Palette der Geschäftsanwendungen neu zu programmieren. Durch HANA konnte SAP sich selbst an seine größte Stärke erinnern: Die unternehmensweite und enge Integration aller Prozesse. Das neue SAP Simple Finance ist nur der Anfang. Eines Tages wird SAPs Business Suite in einem einzigen gemeinsamen Datenmodell in HANA integriert sein. SAPs eingekaufte Cloud Angebote Ariba und SuccessFactors basieren heute bereits auf HANA. Deswegen werden nicht alle Kunden direkt in die Cloud wechseln. Jedoch können schon heute Unternehmensprozesse unabhängig von der Art der Bereitstellung der Software modelliert und konsumiert werden. Das könnte bspw. bedeuten, dass ein Teil der Software direkt beim Kunde vor Ort installiert wurde (on premise), ein Teil läuft bei einem Hostingpartner und ein Teil wird abhängig vom Datenvolumen bei Bedarf dazugebucht. Diesen Mix der Bereitstellungsarten bezeichnet man als Hybrid Cloud.

Hybrid Cloud
Quelle: SAP


Die Botschaft

Der Weg ist eingeschlagen und es gibt kein Zurück. Cloud Computing ist im SAP Umfeld angekommen. Aus Kundensicht ergeben sich m.E. die größten unmittelbaren Vorteile (bezogen auf SaaS) für den Fachbereich. Der Einsatz neuer Software gelingt schneller und vordergründig auch günstiger. Cloud Computing birgt aber auch Risiken. Setzen Sie Cloud Computing nur dann gezielt ein wenn Sie wirkliche und nicht nur kurzfristige Vorteile daraus ziehen. Achten Sie immer darauf, dass Ihre Prozesse auch in Zukunft unternehmensweit und nicht nur als Insellösung funktionieren. Nur weil Ihre Frontends einfacher werden muss dies noch nichts über die Komplexität des Gesamtsystems aussagen. Überfordern Sie Ihre IT-Landschaft und Ihre Mitarbeiter insbesondere nicht mit zu vielen Schnittstellen. Sorgen Sie dafür, dass die Sicherheit und die Geheimhaltung Ihrer Daten jederzeit und bedingungslos gewährleistet ist.

Getagged mit: , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*